1. Basenji Klub Deutschland von 1977 e.V.

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Grundlagen der Vererbung
Dr.Brigitte Rauth-Widmann 
(15. Oktober 1999)

Spezifische Merkmale des äußeren Erscheinungsbildes eines Hundes werden - ebenso wie z.B. bestimmte Erkrankungen - von Generation zu Generation weitergegeben. Höchst komplizierte und in den seltensten Fällen vollständig aufgeklärte Abläufe auf molekularer Ebene liegen dieser viel zitierten Vererbung zugrunde.

Im Folgenden wird ein kleiner Einblick in dieses spannende Gebiet gegeben.

Die Grundeinheit aller Organismen ist die Zelle.
Es gibt Lebewesen, die nur aus einer einzigen Zelle bestehen - so genannte Einzeller - ebenso wie hochkomplexe Individuen - wie unsere Hunde etwa - mit vielen Millionen von Zellen. Um funktionieren und effizient arbeiten zu können, haben sich die Zellen der höheren Lebewesen u.a. zu Zellverbänden und Organen zusammengeschlossen. Trotzdem besteht auch jede einzelne dieser Zellen - ebenso wie die eines Einzellers - aus einer Hülle, der so genannten Zellmembran, welche u.a. das Zellplasma und - besonders wichtig für die Vererbung - den Zellkern beherbergt. Dieser Zellkern (= Nukleus) ist die "Schalt- und Speicherzentrale" sämtlicher für die Vermehrung eines Individuums notwendigen Informationen.
Jede Körperzelle eines bestimmten Lebewesens enthält genau die gleichen Erbinformationen. Das ist auch der Grund dafür, weshalb sowohl aus Speichel- bzw. Mundschleimhautzellen, als auch aus Blut- oder beispielsweise Spermazellen ein Individuum zweifelsfrei identifiziert werden kann. Auch Vaterschaftsnachweise - beim Hund z.B. anhand von Blutproben - sind so möglich.

78 Chromosomen in jeder Zelle
Eigentliches Speichermedium für diese lebens- und vererbungsnotwendigen Informationen sind die Chromosomen, dünne fädchenartige Strukturen des Zellkerns. Jede Tierart besitzt eine charakteristische Anzahl solcher Chromosomen innerhalb ihrer Zellen (sog. Chromosomensatz). Bei den komplex gebauten, höheren Organismen sind die Chromosomen zudem noch paarweise vorhanden. Diese Lebewesen tragen dann einen so genannten doppelten (= diploiden) Chromosomensatz - im Gegensatz zu den niederen Organismen mit ihrem einfachen (= haploiden) Chromosomensatz. Wir Menschen besitzen 23 solcher Chromosomenpaare, unsere Hunde 39.

Träger der Erbanlagen
Jedes Chromosom besteht aus einer großen Anzahl "funktioneller Einheiten", den Genen. Sie sind es, die das genetische Material, die DNS beinhalten. Die DNS (Desoxyribo-Nuklein-Säure) oder englisch: DNA (Deoxyribo-Nucleic-Acid) ist eine hochmolekulare organische Verbindung, die in Form kleiner Bausteine (sog. Nucleotidbasen) - welche in jeweils spezifischer Reihenfolge angeordnet sind - die Informationen zur Synthese bestimmter Genprodukte (z.B. eines Enzyms) trägt und übermittelt. Charakteristisch für die DNS ist ihre Fähigkeit, sich identisch zu verdoppeln. Dadurch wird die Weitergabe von Eigenschaften von einer Zell-Generation an die nächste möglich. Deshalb können sich Haut- und Gewebezellen identisch erneuern, aber auch Samen- und Eizellen entstehen, vermehren und damit neues Leben - mit vererbbaren Merkmalen - schaffen.

Doppelte "Genpackung" - wieso?
Man nimmt an, daß in jeder Samenzelle für jede Erbeigenschaft mindestens ein Gen vorhanden ist, ebenso in jeder Eizelle. 
Greifen wir einmal die Gene heraus, die für die Fellfärbung des Hundes zuständig sind und nehmen wir folgendes an: Vom Vater kommt ein Gen namens "B", welches "schwarze Farbe" codiert; von der Mutter ein Gen mit der Bezeichnung "b", welches "braune Farbe" bewirkt. Wenn nun Ei- und Samenzelle bei der Befruchtung miteinander verschmelzen, besitzt die neu entstandene "befruchtete Eizelle" ZWEI solcher für die Fellfarbe zuständigen Gene, nämlich "Bb". Solch eine "Packung" alternativer Formen eines Gens wird als Allelpaar bezeichnet; das einzelne Gen demzufolge als Allel.
Vermutlich verfügen Hunde über rund 100.000 solcher Allelpaare, also über ca. 200.000 einzelner Gene in ihrem Organismus.

Wie wird eine "Gen-Explosion" verhindert?
Da auch jeder Elternteil bereits jedes Gen in doppelter Ausführung in jeder seiner Zellen trägt, müsste bei den Folge-Generationen eine rasche, ja exponentielle Genvermehrung auftreten. In unserem Fall würde dann die neue Generation zunächst vier, dann acht, später 16 .....usw. fellfarben-codierende Gene in sich tragen. 
Eine solche Gen-Explosion tritt aber nicht ein. Der Grund: Im Verlauf der Evolution wurde bei der Produktion von Samen- bzw. Eizellen ein Reduktionsmechanismus "erfunden", mit welchem die doppelte Genpackung dieser Zellen in eine einfache vermindert werden kann, die so genannte Meiose. Dieser auch Reduktionsteilung genannte Prozess läuft bei Hündinnen demnach nur in den Eierstöcken, bei Rüden in den Hoden ab und bewirkt, dass ein Tier mit dem Allelpaar "Bb", nun Fortpflanzungszellen produziert, von denen 50% nur das Allel "B" und die anderen 50% nur das Allel "b" als Farbcodierer aufweisen. Dasselbe erfolgt freilich nicht nur für die Gene, welche die Fellfärbung des Hundes bestimmen, sondern auch für alle anderen seiner unzähligen Gene. 

Rein- oder mischerbig?
Wenn ein Allelpaar dieselbe genetische Information enthält (z.B. "BB"), wird das Tier in Bezug auf dieses Merkmal reinerbig (= homozygot) genannt. Wenn die Allele sich unterscheiden (z.B. "Bb"), ist das Tier bezüglich dieses Merkmals mischerbig (= heterozygot). Dementsprechend kann ein Hund mit homozygoten Anlagen für ein bestimmtes Merkmal nur EINE "Gen-Art" vererben (hier: "B"), ein Tier mit heterozygoten Erbanlagen dagegen mehrere (hier: "B" und "b").

Achtung! Die Bezeichnungen "rein-rassig" bzw. "misch-rassig" haben mit den Begriffen "rein-erbig" bzw. "misch-erbig" freilich überhaupt nichts zu tun und dürfen deshalb keinesfalls verwechselt werden.

Dominant contra rezessiv
Ein Gen, das in der Lage ist, die Auswirkung seines Allels zu unterdrücken, wird als dominant bezeichnet. Gene, deren Wirkungen von ihrem allelen Partner unterdrückt werden, nennt man rezessiv. Dominante Gene werden gewöhnlich mit Großbuchstaben bezeichnet, rezessive mit Kleinbuchstaben. 
So ist in unserem Beispiel der Farbvererbung, das "B" (für Schwarz) dominant gegenüber "b" (für Braun). Ein Hund mit der Erbinformation "BB" wird demnach eine schwarze Fellfärbung haben, ein Tier mit der Genkombination "bb" dagegen eine braune. Der mischerbige Hund "Bb" wird zwar schwarz gefärbt sein, das Gen für die braune Fellfärbung "b" aber dennoch in 50% seiner Keimzellen vorliegen haben und so - überdeckt - weitervererben.

Wer ist ein "Anlagen-Träger"?
Der Anlagen-Träger in unserem Beispiel ist der mischerbige Hund, der - neben dem dominanten Gen "B" - das rezessive Gen "b" besitzt, dessen Wirkung aber unterdrückt wird und somit äußerlich (phänotypisch) nicht in Erscheinung treten kann. Nur auf molekularer Ebene (genotypisch) kommt dieses Gen "b" zum Tragen.

Erbkrankheiten beim Hund
Unglücklicherweise werden die meisten Erbkrankheiten bei Hunden durch rezessive Gene - sozusagen "verschleiert" - weitergegeben. Es kommt zu keiner Merkmals-Ausprägung bzw. Erkrankung. Trotzdem kann der Hund ein Anlagen-Träger sein, also ein Defekt-Gen besitzen und an viele seiner Nachkommen weitergeben, bei welchen dieses dann unter Umständen zu Krankheitserscheinungen führt.
Um die Weitergabe zu verhindern, gilt es, Anlagen-Träger zum Beispiel mit Hilfe von Genanalysen ausfindig zu machen, noch bevor sie möglicherweise zur Zucht - und damit zur Vererbung ihrer Anlagen - eingesetzt werden. Das ist aber leichter gesagt als getan, denn zahlreiche krankheitsverursachenden Gene sind überhaupt noch nicht entlarvt. Und selbst bei einer vorhandenen Gen-Erkrankungs-Zuordnung stehen nur in den wenigsten Fällen auch schon praktikable (molekulargenetische) Untersuchungsmethoden zur raschen Testung der Tiere zur Verfügung. Außerdem, und das ist mit Sicherheit das "schwerwiegendste Problem bei der Geschichte": Die gesamte Vererbung - also auch die von Erkrankungen - funktioniert gar nicht immer so einfach, wie oben beschrieben. 
So werden die wenigsten Defekte von nur einem einzelnen Gen, also monogenetisch verursacht. Meistens sind an der Entstehung einer Erkrankung mehrere Gene beteiligt (= polygenetische Vererbung). Auch gibt es Eigenschaften, die genetisch an andere gekoppelt sind, sodass alle als eine Art Kompaktpaket vererbt werden. Zudem können sich, aufgrund spontaner Veränderungen an der DNA - den so genannten Mutationen -, die Wirkungen eines Gens plötzlich ändern. Besonders interessant, und vor allem biologisch wirkungsvoll, ist zum Beispiel auch das so genannte crossing-over: Während der Reduktionsteilung der Samen- bzw. Eizellen können sich die von der Mutter und die vom Vater stammenden Chromosomen dicht aneinanderlegen, an ganz bestimmten Stellen brechen und sich kreuzweise wieder vereinigen. Auf diese Weise werden Gene, die ursprünglich auf dem väterlichen Chromosom saßen mit Gengruppen des mütterlichen Chromosoms verknüpft; usw. usw. 
Diese unterschiedlichen Vererbungs-Mechanismen dienen alle nur dem einen Zweck: Die Vielfalt der Gene und somit die Variabilität der verschiedenen Organismen zu erhöhen, immer mit dem "Ziel" bestmöglicher Überlebenschancen. Spannend für den Genetiker, der diese Wechselwirkungen auf molekulargenetischer Ebene zu entschlüsseln versucht, schwierig aber beispielsweise für den gewissenhaften Züchter, der die genetische Gesundheit seiner Rasse - insbesondere bei kleinen Populationen - erhalten möchte.

Rezessive Vererbung am Beispiel der PRA
Zum Krankheitsbild: Die Progressive Retina-Atrophie (PRA) ist eine erbliche Augenerkrankung, die viele Hunderassen betrifft. Charakteristisch ist die langsam fortschreitende Reduktion von Blutgefäßen in der Netzhaut (Retina) und damit eine immer deutlichere Abnahme der Sehfähigkeit. In der Regel führt die PRA zur vollständigen Erblindung des Tieres. Augenoptische Befunde des Augenhintergrundes bei weit gestellter Pupille lassen sich meist erst im Alter von rund vier Jahren nachweisen. 
Zu den Erbanlagen: Die PRA wird durch ein einzelnes Gen, welches dem beschriebenen rezessiven Vererbungsmodus folgt, hervorgerufen. Das heißt: Das die PRA verursachende Gen "a" verhält sich untergeordnet gegenüber dem Normal-Gen "A" und führt somit nur dann zum Defekt, wenn es in doppelter Ausführung, also als "aa" im Erbgut auftritt. Hunde, die das krankmachende Gen nur in einfacher Anzahl tragen ("Aa"), erscheinen vom Phänotyp her gesund, können das Defekt-Gen aber dennoch an ihre Nachkommen weitergeben. Trägt der Paarungspartner das Defekt-Gen ebenfalls in einfacher Anzahl ("Aa"), dann kann es bei einzelnen Nachkommen zum Auftreten dieses Gens in doppelter Dosis und damit zum Ausbruch der durch dieses Gen verursachten Erkrankung kommen.

Beispiel 1:
Vater:  Aa   Mutter:  Aa
Nach der Reduktionsteilung:
Aa   Aa
Mögliche Kombinationen:
AA; Aa; aA; aa

Beispiel 2:
Vater:  Aa   Mutter:  AA
Nach der Reduktionsteilung:
Aa   AA
Mögliche Kombinationen:
AA; AA; aA; aA

Tabelle:
Statistische Wahrscheinlichkeiten des Auftretens von gesunden, kranken oder Träger-Tieren am Beispiel der rezessiv vererbten PRA beim Hund.

Vater (bzw. Mutter)
Mutter (bzw. Vater)
mögliche NACHKOMMEN
krank (aa)   krank (aa)
100% krank (aa)

krank (aa)   Träger (Aa)
50% krank (aa)
50% Träger (Aa)
krank (aa)   ganz gesund (AA)   100% Träger (Aa)
Träger (Aa)   Träger (Aa)
25% ganz gesund (AA)
25% krank (aa)
50% Träger (Aa)
Träger (Aa)   ganz gesund (AA)
50% ganz gesund (AA)
50% Träger (Aa) 

WICHTIG: Je enger die Paarungspartner miteinander verwandt sind, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich dabei auch zwei "Träger" einer bestimmten Erbkrankheit treffen. Die resultierenden gesundheitlichen Gefahren für deren Nachkommen sind dann nicht unerheblich.

Nachweis von PRA-Trägern
Nur ein einzelnes Gen ist für die PRA verantwortlich, seine Zuordnung und Identifikation demnach leichter als bei einer polygenetisch bedingten Erkrankung. Darüber hinaus wurde bereits eine DNA-Testmethode entwickelt, anhand derer PRA-Anlage-Träger entlarvt werden können. Trotzdem stellt die PRA noch ein großes Problem für unsere Hunde dar. Woran liegt das?
Es liegt vor allem daran, dass das für die PRA verantwortliche Gen sich von Hunderasse zu Hunderasse unterscheiden kann und demzufolge der speziell bei Irish Settern entwickelte (erste) DNA-Test auf PRA nur bedingt (bzw. überhaupt nicht) für andere Rassen aussagekräftig ist. 
Um der allgemeinen Weiterverbreitung der Erkrankung wirkungsvoll begegnen zu können, heißt es deshalb, zunächst für jede von der PRA betroffene Hunderasse das spezifische PRA-Defekt-Gen zu isolieren und darauf aufbauend, eine für den Nachweis dieses (rassespezifischen) Gens wirksame molekulargenetische Untersuchungsmethode zu etablieren. Das allerdings ist sehr zeit- und vor allem kostenaufwendig. Da die vollständige Erblindung aber eine enorme Belastung für die erkrankten Hunde (und für ihre Halter) darstellt, wird derzeit dennoch mit Hochdruck an rassespezifischen Nachweismethoden für die Progressive Retina Atrophie gearbeitet.

Prädisposition, was ist das?
Zahlreiche genetisch bedingte Erkrankungen werden als so genannte Prädispositionen vererbt. Das bedeutet, dass der Welpe noch nicht mit der jeweiligen Krankheit zur Welt kommt (bzw. der ältere Hund mit Sicherheit - zum für diese Krankheit typischen Zeitpunkt - an ihr erkranken wird), dass er aber eine wesentlich größere Bereitschaft bzw. Veranlagung als andere Hunde mitbringt, diese Erkrankung irgendwann in seinem Leben einmal auszuprägen. Der Ausbruch der Krankheit, sowie ein schwerer Verlauf, werden dabei umso wahrscheinlicher, je stärker der für diese bestimmte Erkrankung prädisponierte Hund, mit speziell diese Krankheit fördernden Umweltfaktoren konfrontiert wird. 
Die ererbten Veranlagungen für die beiden polygenetisch verursachten Erkrankungen Hüftgelenk- bzw. Ellenbogengelenk-Dysplasie (HD/ED) - die ebenfalls sehr viele Hunderassen betreffen - sind Beispiele dafür. Einerseits können nämlich krankhafte Anlagen durch äußere Faktoren wie zum Beispiel übermäßige Bewegung im Welpenalter erst manifest werden und zu Erkrankungserscheinungen führen (bzw. bereits vorhandene Symptome erheblich verschlimmern). Andererseits ist es aber auch möglich, dass die Erkrankungstendenz eines prädisponierten Hundes beispielsweise durch eine ausgewogene, bedarfsgerechte Ernährung sowie vernünftige Bewegungsförderung im Welpen- und Junghundalter derart günstig beeinflusst wird, dass Krankheitserscheinungen überhaupt nicht zu Tage treten.
Verständlich, dass es äußerst schwierig ist, solchen polygenetisch sowie multifaktoriell bedingten Erkrankungen erfolgreich zu begegnen oder sie sogar gänzlich "aus der Welt zu schaffen".

Wie wird eigentlich das Geschlecht vererbt?
Lediglich ein einziges der 39 Chromosomenpaare des Hundes hat NICHT immer einen morphologisch identischen Partner bzw. ein sogenanntes homologes Chromosom. Dieses Chromosomenpaar ist es, welches die Information trägt, die darüber entscheidet, ob ein Nachkomme weiblich oder männlich sein wird: das männliche Geschlechts-Chromosomenpaar. Männliche Zellen besitzen bekanntlich jeweils ein X- und ein Y-Chromosom, während weibliche Zellen zwei X-Chromosomen enthalten. Wenn diese Chromosomen sich teilen, produzieren sie vier so genannte Chromatiden: X, X, X und Y. Bei einer Befruchtung schließen diese sich zusammen und bilden die Paarung XX (weiblich) oder die Paarung XY (männlich). So ist, genetisch gesehen, allein der Rüde für das Geschlecht der Nachkommen verantwortlich.
Nach neuesten Erkenntnissen ist es sogar nur ein winzig kleiner Teil auf dem Y-Chromosom (SRY = Sex determining Region of the chromosome Y), vermutlich also lediglich ein einzelnes Gen, welches diese "Männlichkeit" bestimmt.

Geschlechtsgebundene Vererbung
Außer den oben genannten, tragen die Geschlechts-Chromosomen noch zahlreiche weitere Informationen wie zum Beispiel solche, die an ein bestimmtes Geschlecht gekoppelt vererbt werden (= geschlechtsgebundene Vererbung).

Beispiel: Bluter-Krankheit (Hämophilie)
Im Gegensatz zu den so genannten autosomalen Erbkrankheiten HD, ED und z.B. PRA werden die Erbfaktoren für die Bluter-Krankheit geschlechtsgebunden, in diesem Fall an das X-Chromosom gekoppelt, weitervererbt (Hämophilie A sowie B). Das ist beim Hund also nicht anders als beim Menschen. Auch ist bei Hunden die so genannte Hämophile A, im Gegensatz zu den anderen Hämophilie-Formen, am häufigsten verbreitet. Da die Bluter-Krankheit einem einfach rezessiven Vererbungsmodus folgt, kann das dominante Normal-Gen (L) die Wirkung des Defekt-Gens (l) überdecken und somit den Ausbruch der Krankheit verhindern. Aufgrund der Chromosomen-Verteilung beim weiblichen (XX) und männlichen Organismus (XY), sind jedoch Rüden - anders als Hündinnen - nicht in der Lage, einem schadhaften X-Chromosom-gekoppelten Gen ein gesundes, ebenfalls an das X-Chromosom gebundenes Gen entgegenzusetzen. Demzufolge erkranken diese Männchen. Nur in sehr seltenen Fällen, und wenn Defekt-Gene in doppelter Anzahl auftreten, werden auch Hündinnen krank.

Fallbeispiel:
Bei der Paarung eines an Hämophilie erkrankten Rüden mit einer genotypisch wie phänotypisch gesunden Hündin werden alle Welpen phänotypisch gesund sein, denn der Rüde gibt ja an seine Söhne nur das nicht betroffene Y-Chromosom weiter und sein "krankes" X-Chromosom, welches er an seine Töchter vererbt, kann von dem "gesunden" X-Chromosom der Mutterhündin dominiert werden. Bei diesem weiblichen Nachwuchs handelt es sich jedoch um Hämophilie-Trägerinnen, die das Defekt-Gen weitervererben können, sodass die Erkrankung in der folgenden Generation wieder auftreten kann: Mit einem gesunden Rüden bringen diese mischerbigen Hündinnen Nachkommen hervor, von denen statistisch gesehen 50% das Defekt-Gen geerbt haben. Sind die betroffenen Tiere weiblich, sind auch sie Hämophilie-Trägerinnen, handelt es sich dabei um Rüden, sind es Bluter.
Nicht zu verwechseln ist die Hämophilie mit einer ebenfalls als Bluter-Krankheit bezeichneten Erkrankung, die sowohl in rezessiver als auch in dominanter Form vorkommt, der so genannten "Von Willebrand-Krankheit".

Zum Krankheitsbild:
Die Hämophilie A ist gekennzeichnet durch eine verstärkte Blutungsneigung des Hundes, außerdem durch eine verzögerte Blutgerinnung, weshalb bereits bei kleineren Wunden ein Druckverband und meist auch die Gabe von gerinnungs-förderndem Vitamin K notwendig wird. Da die Hämophilie eine lebenslange Behandlung des Hundes erfordert und darüber hinaus erhebliche Gefährdungen des betroffenen Tieres nach sich zieht - wie Nachblutungen aus Operationswunden oder beim Zahnwechsel, außerdem Nasenbluten, Blutergüsse uvm. - ist eine Identifizierung von Anlage-Trägerinnen natürlich dringend geboten. Durch den Nachweis der um rund 50% reduzierten Konzentration sogenannter Antihämophilie-Faktoren (AHF) in ihrem Blut ist dies glücklicherweise auch leicht möglich.

Noch ein Wort zum Merle-Syndrom
Beim Merle-Syndrom handelt es sich um eine schwere Pigmentmangel-Erkrankung, die sich bei Reinerbigkeit (Homozygotie) des sogenannten "Merle-Faktors" herausbildet. Begleiterscheinungen sind starke Seh- und Hörleistungsdefekte sowie Störungen der Fortpflanzungsfähigkeit. Wegen der krankhaften Veränderungen im Innenohr (z.B. des Gleichgewichtsorganes) kann es unter anderem auch zu einer erheblichen Verschlechterung des Schwimmvermögens der betroffenen Hunde kommen.
Genetisch betrachtet, ist das Merle-Syndrom eine autosomale Erkrankung, die einem als unvollständig dominant bezeichneten Erbgang folgt und durch das Merle-Gen verursacht wird. Dieses Gen bewirkt, daß die Fellfarbe eines Hundes nicht einheitlich ist sondern unregelmäßig gesprenkelt. Beteiligt sind dabei Farbtöne des gleichen Grundpigmentes, so zum Beispiel Schwarz und Schwarz-Grau (Blue- bzw. Bleu-Merle) oder (Dunkel)Braun und Hellrot (Gelb oder Red- bzw. Sable-Merle).

"Merle-Träger" und die Folgen
Tritt eine solche charakteristische Sprenkelung auf, dann handelt es sich bei dem betreffenden Tier eindeutig um einen Merle-Träger, also um einen - für dieses Merkmal - mischerbigen bzw. heterozygoten Hund. DNA-Tests oder andere Nachweismethoden sind hier nicht nötig, denn der Anlagen-Träger ist ja bereits rein optisch gut zu erkennen.
Wenn die Erkrankung - wie oben erwähnt - nur bei reinerbigen, also homozygoten Hunden zu Tage tritt, dann sollte es doch möglich sein, sowohl durch Verpaarung zweier normal pigmentierter Hunde, als auch durch Paarung eines normal pigmentierten mit einem gesprenkelten Tier, das Auftreten von am Merle-Syndrom erkrankter Nachkommen zu vermeiden. Und dies ist tatsächlich auch möglich. Das heißt: Allein aufgrund einer verantwortungsvollen Zuchtplanung - in diesem Fall also der strikten Vermeidung von Verpaarungen zweier Merle-Träger - kann einer so schweren Erbkrankheit wie dem Merle-Syndrom einfach, aber sehr wirkungsvoll, begegnet werden.

Anmerkung:
1. Die Bezeichnung der einzelnen Gene wurde willkürlich gewählt. Dabei steht: B für Black, A für Auge, L für Liquid.
2. Als Genpool bezeichnet man die insgesamt in der Population (hier: Hunderasse) zur Verfügung stehenden Erbanlagen.

Mit freundlicher Genehmigung des Symposium Verlag, Stuttgart.
Artikel erschien im “Das Deutsche Hundemagazin”, 2/00


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